Sie hinterlasst ein Loch

Kann man um einen Baum trauern?

Kraftquelle Wald

Wenn es mal wieder alles zu viel wird, oder ich keine klaren Gedanken fassen kann, dann fahre ich zu einem kleinen Wäldchen. Es ist ein besonderer Wald, denn dort stehen sehr alte, sehr hohe Buchen. Ein Buchenwald ist sowieso immer sehr besonders: Dort ist es sehr „klar“, denn ein Buchenwald wirkt immer sehr aufgeräumt. Das Laub der Buchen ist so dicht, dass junge Bäume es schwer haben, hier zu wachsen. Am Fuße der Buchen findet man meisten eher nur Laub, die Hüllen der Bucheckern, ein wenig Farn oder Grünzeug und ein paar Junge Buchensprößlinge.

 

Ordnung im Buchenwald

Eine besondere Ausstrahlung im Buchenwald: Ruhe und Klarheit

Ich liebe Buchen, aber auch die magische Eiche.

Ich liebe diesen Buchenwald sehr. Die Buchen faszinieren mich, ebenso wie die magische Eiche, die nahe dem Eingang in den Wald steht. Sie muss hunderte von Jahre alt sein. Sie hat einen dicken Umfang und ist riesengroß und sehr kräftig. Sie präsentiert den Stolz, den man einer Deutschen Eiche nachsagt. Jeder, der dort vorbei geht, muss sie anschauen. Sie lässt sich durch nichts unterkriegen, auch nicht durch den dicken Efeu, der sich an sie klammert. Es scheint so, als würde er sich an der Kraft der Eiche aufladen und möchte ebenfalls mit in die Höhe wachsen.

 

Sie lebt

Anmutig, kraftvoll und weise – eine besondere Eiche

Im Schutz der Buchen

Welch stürmische Zeiten mag die majestätische Eiche wohl schon überstanden haben? Wie oft wurde sie vom Leben wohl schon durchgeschüttelt? Wie oft hat sie ihr Laub schon und ihre Eicheln abgeworfen? Ob sie sich an manchen Tagen vielleicht einsam gefühlt hat? Als einzige Eiche zwischen den Buchen? Auf jeden Fall haben ihr die Buchen, die mit ihr in einer Reihe standen, sehr viel Schutz und Sicherheit geschenkt. Und wer weiß, vielleicht konnte sie sich deshalb so imposant ausdehnen. Sie ist so besonders, dass sie sogar im Internet auf einer Baumseite erwähnt ist, neben einer anderen Eiche, die auch in diesem Ort steht.

Trauer um einen Baum?

„Wer sagt, es ist doch nur ein Baum“, der wird auch sagen „Es ist doch nur ein Hund“ … – ich trauere definitiv um jedes beseelte Wesen. Und diese alte Eiche hatte für mich definitiv eine Seele, eine Baumseele.
Als ich wie immer meine Gedanken klären wollte und in „mein kleines Kraftwäldchen“ gefahren bin, ging ich ganz verträumt auf dem Waldweg. Ich atmete tief durch und ließ die Energie der Buchen wirken. Mein Blick wanderte nach links und ich dachte mir, warum sieht es hier am Waldrand auf einmal so unordentlich aus. Ich konnte es nicht zuordnen. An den Sturm dachte ich schon gar nicht mehr.

Unordnung

Augenblick mal, die Unordnung irritierte mich

Ich ging ein paar Meter weiter und was ich dann entdeckte, versetzte mich für einen kurzen Moment in eine Schockstarre. Im Boden war ein riesengroßes Loch aufgerissen und da lag sie – die große, majestätische alte Eiche. Einfach umgefallen – sie war gefallen. Sie lebt nicht mehr, denn ihre Wurzeln waren abgerissen.

Sie ist gefallen

Die gefallene Majestät

Eine tiefe Traurigkeit überkam mich, mir liefen Tränen übers Gesicht und ich war sprachlos.
Das Urgestein war bei dem verehrenden Sturm Ende Juni gefallen. Einfach umgefallen. Aus ganz unerklärlichen Gründen, denn sie war kerngesund und stand zudem im Schutz der Buchen.
Mit ungläubigen Augen ging ich auf und ab. Schaute mir alles genau an und spürte die tiefe Trauer und die Verbundenheit, die ich zu diesem Baum, neben den Buchen, entwickelt hatte.
Ja, ich war traurig und trauerte um diese Eiche!

Betrübt ging ich die Waldrunde weiter und versuchte wieder klare Gedanken zu fassen. In Richtung Rückweg sah ich ein Ehepaar im Wäldchen. Eine Frau schob ihren Mann im Rollstuhl. Auf einmal schoss der Mann mit seinem Rollstuhl vor und mit hohem Tempo fuhr er auf dem Weg. Ich war irritiert. Bis ich merkte, dass er zur gefallenen Eiche fuhr, die Hände vors Gesicht schlug und laut rief „Oh nein! Oh nein, die ist doch so alt…! Wie konnte das passieren…“. Seine Ehefrau näherte sich, legte ihm die Hände auf die Schultern und beide schauten ungläubig. Mein Eindruck in Wort und Gefühl gefasst: Ja, sie schienen auch sehr traurig zu sein.

Die norddeutsche Sängerin „Alexandra“ (verstorben im Juli 1969) sang schon Mitte der 1960 das Lied „Mein Freund der Baum“ und beschrieb ihre Verbundenheit zu einem Baum ihrer Kindertage:

… und manche der vorrübergeht
der achtet nicht den Rest von Leben
und reist an deinen grünen Zweigen
die sterbend sich zur Erde neigen
wer wird mir nun die Ruhe geben
die ich in deinem Schatten fand
mein bester Freund ist mir verloren

(Textauszug aus dem Lied „Mein Freund der Baum“)

Sie hinterlasst ein Loch

Sie hinterlässt ein riesengroßes Loch, aber wer sie kannte, wird sie immer in Erinnerung behalten.

Somit möchte ich die eingehende Frage „Kann man um einen Baum trauern“ eindeutig mit „JA!“ beantworten. Wer eine Beziehung zu einem Lebewesen oder auch Gegenstand hat, entwickelt eine gewisse Traurigkeit oder Trauer bei Verlust. Auch wenn es immer so einfach heißt „Lieben heißt loslassen“ ist es in der Praxis nicht immer so einfach.
Aber im Fall meiner geliebten Eiche bin ich mir sicher, dass sie zwar „tot“ ist, aber durch ihre enorme Höhe, ihr Holz sicherlich verarbeitet wird und sie in veränderter Form doch weiter leben wird.
Mir wird dieser ganz besondere Baum fehlen!

 

„Lass die Natur Dein Lehrer sein!“ – Die Natur ist meine allergrößte Kraftquelle, durch die Verbundenheit und die Liebe zu den Bäumen, Pflanzen und Blumen ist das Buch „Weisheiten aus der Natur entstanden

Sabina Pilguj
Sabina Pilguj
www.ibi-za.de

Im Sonnenjahr 2017 habe ich mich entschlossen mit einem Blog „Ibiza-Prinzip“ online zu gehen. Ich schreibe über alltägliche Themen, über Hochsensibilität, den Lifestyle-Hippie, Yoga und Kinderyoga sowie über unsere tierischen Freunde.

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