Hochsensibel

Mein Kind ist so sensibel

Mein Kind ist so sensibel

Der sechsjährige Luca schaukelt voller Begeisterung und gluckst dabei vor Freude. Dann wird er von einem älteren Jungen sehr forsch und mit unfreundlichen Worten aufgefordert, die Schaukel gefälligst zu räumen. Luca bricht in Tränen aus und rennt schutzsuchend zu seiner  Mutter. Er wirkt hilflos und braucht gerade jetzt viel Zuwendung und Trost. Dabei ist Luca kein ängstlicher oder schüchterner Junge, im Gegenteil, er kann manchmal ganz schön über die Stränge schlagen. Der Knabe hat eine scheinbar  unerschöpfliche Energie. Er  liebt es zu toben und ist meistens in Bewegung. Mit seinem schelmischen Blick und seinem zuweilen wilden Auftreten erinnert er manchmal wie Michel aus Lönneberga, allerdings mit einem sehr hochfeinfühligen Anteil. Die Mutter nennt ihren Sohn oftmals liebevoll „Mimose“ oder „Sensibelchen“.

Mein Kind ist anders

Luca soll bald eingeschult werden, aber die Mutter hat Sorge, dass Luca aufgrund seiner Sensibilität große Schwierigkeiten bekommen könnte. Sie wurde schon von der Erzieherin aus der Kita auf sein überempfindliches Verhalten angesprochen. Einerseits ist er sehr einfühlsam und hat  einen großen Gerechtigkeitssinn, aber manchmal zeigt er ein unerklärliches Verhalten. Die Erzieherin berichtet, wenn es im Gruppenraum sehr laut ist, könne er sich schlecht konzentrieren. Aufgefallen sei ihr auch, dass er sich beim „Wilde-Tiere-Spielen“ sehr häufig die Ohren zu hält. Obwohl er  manchmal auch sehr laut sein kann, ist ihm der Geräuschpegel der anderen oftmals unangenehm. In der Kita wurde sogar schon der Hinweis auf eine mögliche ADHS-Untersuchung gegeben, eben weil er manchmal sehr unkonzentriert und impulsiv sei. Doch die Mutter sieht ihren Sohn nicht als ein „auffälliges“ Kind, sondern, dass er manchmal „anders“ sei. Eben sehr sensibel.

„Sensibilität“ hat seinen Ursprung im Lateinischen „sensibillis“ und bedeutet einfach „empfinden können“. Aus dieser neutralen Beschreibung ist in der heutigen leistungsorientierten Zeit leider ein negativ konnotierter Begriff geworden, der eine Überempfindlichkeit (Mimosenhaftigkeit) und geringe Belastbarkeit, beschreibt.

Hochsensibilität verstehen

Man könnte sich nun die Frage stellen, ob denn kein Kind mehr „normal“ sei. Begriffe wie Hyperaktivität, ADS/ADHS, Hochbegabung, motorische Defizite und psychosomatische Auffälligkeiten verunsichern die Eltern. Jetzt taucht auch noch in den Medien vermehrt der Begriff „Hochsensibilität/Hochsensitivität“ auf.

Die Bezeichnung Hochsensibilität (und damit meine ich auch Hochsensitivität, auch wenn ich diesen Begriff nicht immer explizit erwähne) unterliegt keiner Wertigkeit. Menschen mit dieser angeborenen Feinfühligkeit sind weder besser noch schlechter, als Normalfühlende. Hochsensibilität soll auch keine Bezeichnung für eine besondere Schutzbedürftigkeit sein, aber das Thema soll darauf hinweisen, mehr Verständnis für die sensiblen Seelen zu wecken. Annehmen und verstehen, anstatt auszugrenzen.

Es gibt sensible Kinder und auch hochsensible Kinder. Lucas Mutter hat gut daran getan, ihren Sohn in seiner Sensibilität so anzunehmen, wie er ist.

Kinder wie Luca, die manchmal in ihrem Verhalten so anders erscheinen, haben aber kein Krankheitssymptom  (!) und sind auch keine Problemkinder, sondern sie sind einfach nur hochsensibel.

Hochsensibilität ist eine besondere Gabe, mit vielen Vor- und Nachteilen und lässt sich nicht „wegtherapieren“ oder wegdrücken. Diese Feinfühligkeit  ist einfach da und möchte wertgeschätzt und angenommen werden. Diese Kinder sind sehr empfindsam und können sich oftmals sehr gut in andere hinein fühlen. Dabei fühlen sie sich selbst häufig  unverstanden und „anders“. Dies kann dazu führen, dass sie ein Rückzugverhalten oder auch eine gewisse Schüchternheit entwickeln. Manchmal meiden Sie regelrecht soziale Kontakte,  besonders in Gruppen, was aber nicht mit Autismus zu verwechseln ist.

Hochsensibilität ist keine Modeerscheinung, aber ein relativ junger Begriff, jedoch in der Psychologie kein neues Thema.

Bereits Ivan Pawlow (1849-1936) , Mediziner und Psychologe, beschäftigte sich mit der menschlichen Empfindsamkeit und einer stärkeren Sensibilität.

Der Begriff „Hochsensibilität“ wurde erstmals 1997 von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron genannt. Der Begriff mag neu sein, aber diese Begabung nicht.

Dies kann ich mit meinen Alter, selber als „HSP“ (Highly sensitive Person) bestätigen. Als Kind hatte ich es auch nicht immer einfach, weil meine  Empfindsamkeit nicht immer als solche angesehen wurde.

Ebenso war ich als Kind sehr anfällig für Infekte und Allergien, dies wird häufig bei hochsensiblen Kindern beobachtet.

Auch heute wird dieser besonderen Sensibilität noch viel zu wenig Beachtung geschenkt.

All die hochsensiblen Kinder, die mir in meinen Kinderyogakursen begegnet sind, fühlten sich oftmals sehr fremd in ihrer Welt und unverstanden. Durch meine eigene Feinfühligkeit  konnte ich mich umso mehr in die Kinder einfühlen, sie verstehen und versuchen, ihre Stärken zu stärken.

Kinder wie Luca haben diese besondere Gabe der Hochsensibilität, die sie besonders macht, aber auch viele Nachteile mit sich bringt. Hochsensibilität kann sich sehr individuell und in vielen verschiedenen  Facetten zeigen. Jeder Mensch ist eben einzigartig. Jeder Mensch wird im Alltag von unzähligen Reizen überflutet. Es sind Geräusche, Bilder und Eindrücke, Gerüche, Empfindungen und Berührungen. Das menschliche Gehirn besitzt eine Art Filtersystem, welches einen großen Teil der Sinneswahrnehmung gar nicht erst bis in das Bewusstsein vordringen lässt, quasi als Schutz vor einer Datenüberflutung. Dieses Filtersystem ist bei den hochsensiblen Kindern und Erwachsenen durchlässiger. Sie erfahren eine permanente Überstimulierung. Sie sind ständig mit dem Einordnen und Verarbeiten von den vielen Eindrücken beschäftigt. Außerdem sind sie sehr empfänglich für die unausgesprochenen Botschaften, denn die hochsensiblen Kinder nehmen sehr viel mehr wahr. Sie spüren die Stimmungen und Spannungen ihrer Mitmenschen und können die Mimik und Körpersprache sehr viel feiner wahrnehmen als Nichthochsensible.  So kann ihr Alltag oftmals eine regelrechte Belastungsprobe werden, die Informationsflut kann rasch zu einer Überstimulation führen und die Kinder sind schnell erschöpft, können sich nicht mehr konzentrieren oder reagieren plötzlich ganz unverständlich. Ebenso neigen hochsensible Kinder oftmals zu Perfektionismus und stellen sehr hohe Ansprüche an sich selbst. Diese können sie oftmals nicht erfüllen und das erzeugt einen inneren Druck. Sie sind durch die innere Anspannung und Nervosität sehr viel mehr Stress ausgesetzt, als andere Kinder.

In Balance kommen

Für die Hochsensiblen scheint das Leben manchmal wie aus den Fugen geraten zu sein, so, als würde man tagtäglich den Boden unter den Füßen verlieren. Diese Kinder brauchen sehr viel Sicherheit und Liebe, ohne dass sie dabei überbehütet werden. Die liebevolle und wertschätzende Zuwendung schenkt ihnen Sicherheit und Stabilität für den Alltag. Wichtig ist auch, dass die reizüberfluteten Kinder täglich Zeit und Ruhe finden, diese Spannungen abzubauen. Dies ist beinah lebenswichtig, denn Hochsensibilität/Hochsensitivität ist mit dem besonderen Risiko verbunden, an Dauerstresserkrankungen zu leiden.

Hochempfindliche Menschen können schneller eine erhöhte Stressreaktion im Körper erfahren, da die Fülle der Wahrnehmung in kürzerer Zeit zu einer Überlastung des Nervensystems führen kann (Sinnesüberreizung).

Diese Stressreaktion führt im Organismus zur Ausschüttung von Stresshormonen, wie Adrenalin und Cortisol. Bleiben diese Stresshormone dauerhaft erhöht, schwächt es das Immunsystem. Nicht nur der Körper reagiert mit Symptomen – vom einfachen Unwohlsein bis hin zum Burn-Out, sondern die Konzentrations- und Denkfähigkeit wird unter einer Stressreaktion eingeschränkt.  Deshalb ist Entspannung in jeglicher Form, wie z.B. Kinderyoga oder Fantasiereisen, Bewegung in der Natur, musizieren, malen oder Kontakt zu Tieren eine wertvolle Unterstützung für das Wohlbefinden.

Ebenso eine liebevolle Zuwendung durch die Eltern, denn das Gefühl mit seinen besonderen Eigenschaften angenommen zu werden, vermittelt Sicherheit und fördert innere Stärke.

Hochsensibilität/Hochsensitivität  ist sehr individuell und kann sich in vielen verschiedenen Facetten zeigen, einige reagieren sehr auf Gerüche, Geräusche, Berührungen und sensomotorische Reize oder  visuelle Reize. Es gibt sehr viele Beispiele, wie sich die individuelle Hochsensibilität/Hochsensitivität zeigen kann.

Kinder mit dieser besonderen Empfindlichkeit sind emotional leicht verletzbar, eben sehr empfindsam.

Sie nehmen sich alles sehr zu Herzen und das verletzende gesagte Wort, der abwertende Blick oder eine abschätzende Geste können bei Ihnen lange nachklingen (Nachhallen).

Sie können es nicht so einfach abschütteln, wie es die anderen Kinder und Erwachsenen tun. Deshalb bewegen sich die Kinder immer auf einem schmalen Grad des sich Wohfühlens und sich emotional verletzt Fühlens.

Das Zusammenleben mit den Sensibelchen ist nicht immer einfach, insbesondere für die Eltern oftmals eine sehr (!) große Herausforderung.

Das Thema „Hochsensibilität/Hochsensitivität“ wird in der Öffentlichkeit immer mehr thematisiert, so dass das Verständnis für die sensiblen Seelen, wie bei dem Jungen Luca, immer mehr wächst. Wünschenswert ist es, dass  Mütter und Väter genauso selbstverständlich hinter ihren Kindern stehen und sie verstehen. Und diese mit ihrer besonderen Gabe annehmen, anstatt zu verurteilen und sie in eine „Normschublade“ stecken zu wollen.

Hochsensible Kinder (und Erwachsene) sind eine Bereicherung für ein empathisches Miteinander, sie bringen sehr viel Gefühl in die Welt und sollten nicht belächelt, sondern gesehen, angenommen, respektiert und wertgeschätzt werden.

Hilf mir, mich in meiner Gefühlswelt zu verstehen

Sabina Pilguj
Sabina Pilguj
www.ibi-za.de

Im Sonnenjahr 2017 habe ich mich entschlossen mit einem Blog „Ibiza-Prinzip“ online zu gehen. Ich schreibe über alltägliche Themen, über Hochsensibilität, den Lifestyle-Hippie, Yoga und Kinderyoga sowie über unsere tierischen Freunde.

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